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“Wo also findet man Impulse, wo der Mensch etwas glücklicher wird, wo er erfüllter wird, wo er nach vorne schauen kann, wo er – sagen wir einmal – seine Energien mobilisieren kann. Und das möchte ich dann im Bereich der Kunst ansiedeln.”  (Jörg Immendorff)

Jörg Immendorff in seinem Atelier
Bilder zur Ausstellung
weitere Zitate von Jörg Immendorff
Rede von Stefan Skowron anlässlich der Ausstellungseröffnung

 

Jörg Immendorff

Grafische Werke

Die Ausstellung ist vom 14.10. bis 11.11.2007 zu sehen.
Öffnungszeiten täglich von 11 bis 16 Uhr oder nach Vereinbarung.

 

Das Werk von Jörg Immendorff (1945-2007) zählt zum Wichtigsten, was die jüngere deutsche Kunst je zustande gebracht hat. Immendorff war zeitlebens ein engagierter, politischer, die Zeitläufte kritisch betrachtender und dafür oft kritisierter Künstler, der sich wie wenige andere in fast allen Medien zu Hause fühlte. In seinem OEuvre besitzen Grafiken eine herausragende Stellung, da sie die in der Malerei (zuerst) verwandten Motive teils weiter führen, teils in neuer Diktion auflegen. Die Grafiken dienen der Verdichtung und Vertiefung der aus der Malerei bekannten Motive und Intentionen. Wie seine
Vorgänger in der Renaissance nutzte Immendorff die Grafik, um seine Ideen und seine Meinung, seine Haltung als Humanist wie als Künstler „unters Volk zu bringen“.

Sehen Sie im Folgenden zunächst Jörg Immendorff in seinem Atelier, sowie einige seiner Werke, die wir Ihnen auf der Ausstellung präsentieren möchten.

 

Jörg Immendorff in seinem Atelier

Bilder zur Ausstellung

Weitere Zitate von Jörg Immendorff:

“Ein Künstler dient nicht als Beispiel, da warne ich vor.”

“Wie machen wir klar, dass Kunst nicht nur ein Nebenprodukt in der Gesellschaft ist? Denn meiner Auffassung nach gehört Kunst, also das Kultivieren aller, ganz nach oben. “

“Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist mir wichtig. Ich habe Respekt vor ihr.”

"Ich hatte zu wenig Platz für malerische Elemente. Der Rahmen war zu eng, und das war der Punkt, wo ich allmählich nervös wurde. Zu der Haltung, daß Kunst und Politik - das heißt Moral - nicht voneinander zu trennen sind, stehe ich heute noch. So muß ich jeden Künstler für dumm erklären, der die Bedrohung durch Atomwirtschaft und Atomrüstung ignoriert. Denn wenn die ersten Bomben fallen, wackeln auch die Staffeleien."

"Malerei sollte nicht zur hektischen Pinselei ohne Position werden."

“Die Themen sind mir immer zugeflogen, ich habe also nicht krampfhaft suchen müssen.”

“Die Kunst, sofern es sich um Kunst handelt, muss sich immer auch wieder vom Zeitgeist trennen. Kunst muss zeigen, in wie weit sie Zeit und Raum überwinden kann. Gute Kunst hat kein Verfallsdatum, ist also kein Joghurtbecher.”

“Ich male doch nicht um euch zu beglücken. Wie kommt ihr auf die Idee? Ich fange bei mir an. Ich muss aber trotzdem versuchen, die Rolle der Kunst objektiv zu reflektieren.”

“Ich habe nicht daran gedacht, was die hehre Kunstkritik darüber meint, sondern das Bild war mir ein Bedürfnis, nicht mehr und nicht weniger.”

"Das Werk nimmt Abstand von mir – das Bild will weg – will gezeigt werden aus gutem Grund – ich sauge aus dem Bild, was gezeigt wird und was Reaktionen hervorruft, Inspiration für das nächste.”

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Rede von Stefan Skowron anlässlich der Ausstellungseröffnung

Über den Künstler Jörg Immendorff (1945-2007)

Was er nicht alles für andere war: Maoist und Beuysschüler, documenta- und Biennale-Teilnehmer und für eine gewisse Zeit ein „Junger Wilder“, und Kneipier in Hamburg, außerdem Hauptschul-Kunsterzieher in Düsseldorf, später Professor, ebenfalls in Düsseldorf und an anderen Orten; er war Mann, Ehemann, und Vater, Kanzlerfreund und -porträtist. Er war angeklagt und vorverurteilt und missverstanden.

Als ich meine erste Rede auf ihn hielt, fast auf den Tag genau vor 10 Jahren, am 3.Oktober 1997, im Foyer des Rheydter Theaters (auch das eine Ausstellung seiner Grafiken), füllte Immendorff gerade die Rolle des erfolgreichen Kunst-Proletariers aus, der sein Leben lebte und sein Publikum mit Lust verstörte: Tatsächlich gab es während der Vernissage eine Bedrohung gegen ihn, so dass er einen guten Teil meiner wohl gewählten Worte damals gar nicht hörte. Dem Erfolg der Ausstellung war dies indes nicht ab-träglich. Und ich selbst hielt bis heute gut ein Dutzend Reden auf ihn.

Andererseits war Immendorff eigentlich sein gesamtes künstlerisches Leben lang eines immer: ein Störenfried, ein Besserwisser im guten, gerechten Sinne, ein Berserker der Kunst; einer mit Visionen und einer eigenen Meinung, mit der er niemals und vor niemandem hinter dem Berg hielt, egal welche der ihm zugestandenen oder nachgesagten Rolle er gerade einnahm.
Mensch und Kunst waren eins – sie waren eineindeutig.

So schrieb der später auf güldenem Grund gemalte Kanzler 2002 im Grußwort zu einem Katalog für China, Immendorffs Kunst zeige „(...) ein wichtiges Stück deutscher Gegenwartskultur. Sie öffnet gleichzeitig den Blick auf einen Künstler, der sich immer der Auseinandersetzung mit den Realitäten des Lebens gewidmet hat“.

Das ist, gelinde gesagt, eine Verharmlosung. „Sich der Auseinandersetzung mit den Realitäten des Lebens gewidmet“ heißt für mich nichts anderes, als dass Immendorff nichts Menschliches ausgelassen hat, und dass sich dieses Nicht-Ausgelassene ergo das Erlebte niederschlug in allem anderen Tun.
Oder frei nach Heiner Müller: Alles war ihm Material. Freundschaft, Liebe, Hass.

Nicht zu trennen ist daher die Biografie des Künstlers (ein paar Kapitel lesen wir davon in dieser Ausstellung), oder wenn Sie so wollen: untrennbar ist das jeweils aktuelle Rollenspiel, von der gleichzeitig verbreiteten künstlerischen Entäußerung.

Das wurde nach den Anfängen bei Lidl und den Agitprop-Bildern erstmals deutlich Mitte der 70er Jahren, als sein Kontakt zu A.R. Penk in Dresden nicht nur zur Entwicklung eines deutsch-deutschen (Kunst)Kollektivs führte, sondern in den berühmten Maueröff-nungsmotiven und Café-Deutschland-Bildern gipfelte.

In den frühen 90er Jahren dann, in einer Phase der öffentlichen (auch musealen) Vernachlässigung seiner Person entgegnete er ihr ausgerechnet in Bonn mit einer ganzen Ausstellung unter dem Titel „Malerdebatte“, an deren Rand er tatsächlich debattierte mit den Größen der linksrheinischen Bundespolitik und vehement für die gesellschaftliche Rolle des Künstlers und den Einfluss seiner Taten stritt.

Oder schließlich in der letzten Zeit seiner Krankheit, als die Hoffnung auf und die Suche nach Hilfe und Heilung durch alternative, zumal chinesische Methoden den Blick noch einmal öffneten und für grandiose Motive und Grafik-Zyklen sorgten.

Was wunder, dass Jörg Immendorff einst zu den 100 wichtigsten zeitgenössischen Künstlern weltweit gehörte. Er war engagiert, politisch, den Zeitläuften stets kritisch gegenüber und trotzdem selbstbewusst bis hin zur Eitelkeit.

Er machte die deutsche, zwischendurch die deutsch-deutsche, am Ende noch einmal die gesamtdeutsche Wirklichkeit zu seinem Thema, als sie für keinen anderen Künstler Thema war. Sogar 1994, als er „The Rakes Progress“, die Oper von Igor Strawinski, für die Salzburger Festspiele ausstattete und das Bühnenpersonal um Trulove und Anne, Tom Rakewell, Nick Shadow, Mother Goose, Baba the Turk und Sellem irgendwie so aus sah, als hätten Lüpertz und Penk und Beuys und all die anderen Helden seiner (Kunst)Welt, die Rollen übernommen.

Überhaupt, die Bühne.
Immendorff begann seine Laufbahn ja in den 60er Jahren mit ein paar Semestern „Büh-nenkunst“ bei Teo Otto an der Düsseldorfer Akademie, bevor er zu Beuys in die Klasse wechselte.

Diese Marginale muss nicht der Grund dafür sein, dass viele seiner Grafiken (bis Ende der 90er Jahre etwa) einen Dielenboden herzeigen, auf dem sich eben wie auf den die Welt bedeutenden Brettern coram publico das Geschehen abspielt.

Aber es ist schon erstaunlich, mit welcher Konsequenz Jörg Immendorff diese „öffentli-che Verortung“ verfolgt hat. Seine Motive wirken wie Szenen aus dem Theater, die Realität als Bühnenstück, grotesk, ironisch und immer mit einem Schuss Wahrheit gewürzt.

Für Immendorff war Kunst im Wortsinne „lebenswichtig“, roter Tee war sein Getränk im Atelier.
Oder anders: Sie (die Kunst) war ihm Lebensmittel – denn alles, was wir von ihm be-kommen konnten, waren zwei Arme voller Kartoffeln, und manchmal eine Rose.
Er übte sie solange aus, wie es ging. Als nach der linken Hand, der Malhand, auch die rechte ihre Dienste versagte, erst nachdem er sich mühsam an seine „neue Handschrift“ gewöhnt hatte, war da immer noch der Kopf, blieben seine Gedanke, dirigierte er trotz kürzer werdender Stimme seine Mitarbeiter, und führte mit Worten die Hände der anderen, die seine Pinsel hielten.


© Text, Stefan Skowron, Aachen im Oktober 2007

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